Coronavaccins

Die Corona-Impfstoffe und Impfzentren

“Die Behörden haben viele Verfahren und Richtlinien, aber sobald eine Krise ausbricht, ist die normale Arbeitsweise nicht mehr möglich und sollte man pragmatisch vorgehen”

Die Generaldirektion Inspektion der FAAG hat immer eine wichtige Rolle gespielt beim logistischen Ausbau der nationalen COVID-19-Impfkampagne. Die Inspektoren und Kontrolleure der Generaldirektion Inspektion haben ihr Fachwissen bei der Ausbildung, dem Start und der Bewertung der Impfzentren geteilt. Nele Matthijs, zuständig für die Abteilung Distribution, und Margriet Gabriels, zuständig für die Abteilung Arzneimittelabgabe haben sich unter der Leitung der Generaldirektorin Ethel Mertens aktiv an der Organisation der Lagerung, der Verteilung und der Abgabe der Corona-Impfstoffe beteiligt.

Ethel Mertens

Die nationale COVID-19-Impfkampagne war eine riesige logistische Aufgabe. Wie haben Sie diese Kampagne vorbereitet, damit jeder, der in Belgien geimpft werden konnte, auch geimpft wurde?
EM: Ende 2020 ging es plötzlich sehr schnell mit der Entwicklung der Corona-Impfstoffe. Angesichts der pandemischen Lage und des Umfangs der Impfkampagne wurde ganz schnell klar, dass der klassische Weg der Lagerung, Verteilung und Abgabe für die Corona-Impfstoffe nicht geeignet war.

Für die Impfstoffe gab es sehr spezifischen Lagerungsbedingungen und nicht jeder Impfstoff hatte die gleichen Anforderungen. Der Pfizer-Impfstoff musste zum Beispiel bei -80 °C gelagert werden, während dies bei der Moderna-Impfstoff bei -20 °C lag. Außerdem war die Haltbarkeit der Impfstoffe nach dem Auftauen sehr begrenzt. Deshalb haben wir sofort einen Partner gesucht, der die Kapazität und auch die speziellen Tiefkühlgeräte zur Lagerung der Impfstoffe hatte. Die Krankenhausapotheken haben sich dafür gemeldet. Die Impfstoffe sind in Mehrfachdosen verpackt. Die Krankenhausapotheken haben auch angeboten, die Großverpackungen in kleinere Verpackungen aufzuteilen und sie an die Wohnpflegeheime und später an die Impfzentren zu verteilen. Gemeinsam haben wir Verfahren und Protokolle erstellt, um der ganze Prozess in die richtige Bahn zu lenken.

MG: Im Dezember 2020 haben unsere Inspektoren also einen ersten „Dry Run“ durchgeführt, bei dem mit Wasser gefüllten Flakons verwendet wurden. Wir haben den gesamten Prozess ab der Abgabe der Impfstoffe durch den Hersteller in den Krankenhausapotheken bis zur Abgabe bei den Wohnpflegeheimen, der Zubereitung der Einzeldosen und der Verabreichung an Bewohner und Personal gründlich getestet. Nachher haben verschiedene „Wet Runs“ stattgefunden, u.a. zur Impfung des Krankenhauspersonals. Aufgrund unserer Erkenntnisse wurden die Verfahren und Drehbücher angepasst und optimiert.

Ab März 2021 war dann die Öffentlichkeit an der Reihe. Welche Rolle haben Sie bei der Vorbereitung der Impfzentren gespielt?
MG: Am Anfang haben wir gemeinsam mit dem Corona-Kommissariat dabei geholfen, die Impfzentren aufzubauen. Anfangs waren alle sehr ehrgeizig und wollte man in fast jedem Dorf ein Impfzentrum einrichten, aber das wurde sehr schnell eingeschränkt, weil sich die Einrichtung eines Zentrums für eine Gemeinde als eine riesige logistische Aufgabe herausstellte. Insgesamt wurden in ganz Belgien etwa einhundertfünfzig Impfzentren aufgebaut. Im Grunde sind die föderierten Teilgebiete für die Impfkampagne zuständig. Weil deren Erfahrung mit einer solchen Impfkampagne allerdings beschränkt war, wurde auch das Fachwissen der FAAG in Anspruch genommen. Wir sind nicht als Inspektoren vorgegangen, sondern hatten eine eher beratende Funktion.

Margriet Gabriels

Nele Matthijs

NM: Als zuständige Arzneimittelbehörde sind wir immer für die qualitative Distribution von Arzneimitteln, einschließlich Impfstoffe, verantwortlich. Wir müssen überprüfen, ob alle Verfahren die Rechtsvorschriften einhalten und ob die Qualitätsrichtlinien ordnungsgemäß beachtet werden. Dies war auch unsere Hauptaufgabe in den Impfzentren, aber wir haben auch eine Menge Aufgaben übernommen, die eigentlich nicht zu unserem Zuständigkeitsbereich gehören, wie die Verteilung der Impfstoffe und des nötigen Materials wie Spritzen und Nadeln.

Diese logistische Organisation war für uns eine riesige Herausforderung. Jedes Mal, wenn weniger oder keine Impfstoffe geliefert wurden, mussten wir alles neu berechnen. Wir mussten auch für eine ausgewogene Verteilung auf die verschiedenen Regionen unseres Landes sorgen. Ein Impfzentrum ist auch kein Wohnpflegeheim oder Krankenhaus. Die Menschen, die dort als Freiwillige arbeiteten, mussten ausgebildet werden.

Welche Schwierigkeiten sind Sie begegnet?
EM: Je mehr die Impfkampagne voranging, desto komplexer sie wurde. Zum Beispiel die Tatsache, dass es sich um zwei Verabreichungen desselben Impfstoffs mit einer Zwischenzeit von einigen Wochen handelte, machte die Sache nicht einfacher. Man kann einer Person keinen Impfstoff verabreichen, wenn man nicht sicher ist, dass diese Person die zweite Dosis rechtzeitig erhält, weil die Wirksamkeit nach einer Verabreichung sonst nicht gewährleistet werden konnte. Dazu kam die Schwierigkeit, dass die Firmen keine ständige Bevorratung garantieren konnten. Es gab oft Verzögerungen oder es gab Wochen, in denen unerwartet nichts oder weniger geliefert wurde. Am Anfang war die Nachfrage auch deutlich größer als das Angebot. Viele Menschen waren dazu bereit, sich impfen zu lassen, aber es gab einfach noch nicht so viele Impfstoffe. Das war für manche Personen schwer zu verstehen.

Sobald die Impfkampagne richtig in Schwung gekommen war und alle Verfahren eingehend getestet waren, haben Sie weiterhin Unterstützung geboten.
EM: Das stimmt. Das war sehr intensiv, weil wir selbstverständlich nicht überall gleichzeitig sein konnten. Um sicherzustellen, dass alle Personen in den Impfzentren die gleichen Informationen erhielten, wurden systematisch mit allen Beteiligten Beratschlagungen organisiert und wurden Berichte an alle pharmazeutischen Experten in den Impfzentren verteilt, so dass alle über die neuesten Entwicklungen informiert sein würden. Es gab Vorfälle, die weit außerhalb unserer Komfortzone lagen. So wurden zum Beispiel Menschen auf dem Markt geworben, um sich impfen zu lassen. Bei Problemen haben wir immer mit den Verantwortlichen Kontakt aufgenommen, um sicherzustellen dass alles auf qualitative Weise erledigt werden konnte. Das war unsere größte Besorgnis. Wir sind pragmatisch vorgegangen, aber die Qualität musste immer 100 % sein; dieses Prinzip haben wir niemals losgelassen.

NM: Wie bereits erwähnt, hatten wir jeden Freitag eine Beratschlagung mit den Verantwortlichen der Impfzentren, was sehr gut angenommen wurde. Wenn während Kontrollen oder Besuchen in den Impfzentren Probleme festgestellt wurden, konnten wir allen Zentren diese Informationen gleichzeitig mitteilen. Diese Beratschlagung war eine zweiseitige Angelegenheit, bei der auch Fragen gestellt werden konnten. Es war schön zu sehen, wie die Experten in den Zentren sogar Vorträge vor ihren Kollegen hielten, um ihr Wissen weiterzugeben.

Die Impfzentren stehen jetzt auf Sparflamme. Sind sie bereit, wenn nötig wieder voll zu arbeiten?
NM: Wir beobachten die Situation bestimmt weiterhin sehr genau, nicht nur im Rahmen unserer Inspektionsdienste, sondern auch in Bezug auf alles, was mit medizinischen Hilfsmitteln, Impfstoffen und Arzneimitteln gegen COVID-19 zu tun hat. Alle Entwicklungen werden genau verfolgt. Alle Verfahren und Drehbücher sind da und auch auf juristischer Ebene haben wir einen rechtlichen Rahmen geschafft, um die Verteilung von Impfstoffen für Gruppenimpfungen in die richtige Bahn zu lenken. Auch andere Möglichkeiten der Impfung gegen COVID-19, z.B. durch Apotheker in Apotheken, in Arztpraxen, an organisierten Impftagen usw., werden derzeit von den föderierten Teilgebieten weiter entwickelt. Sie sind nämlich dafür zuständig, die Impfkampagne gegen COVID-19 weiter zu organisieren, wobei wir natürlich weiterhin unser Fachwissen zur Verfügung stellen.

EM: Trotz der schwierigen Zeit und der schwierigen Umstände, gegen die wir angekämpft haben, ist theoretisch alles vorbereitet, um nötigenfalls die Impfung gegen COVID-19 wiederaufzunehmen. Das hat meinen Teams eine ganze Menge Arbeit abverlangt, aber auch alle unsere Kollegen der FAAG haben darin eine ganz wichtige Rolle gespielt. Ich kann durchaus nicht genug betonen, wie stolz ich auf meine Mitarbeiter bin. Ich möchte ihnen sehr für ihre Arbeit danken.

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