Sauerstoff

“Wir waren mit einer Massenpanik konfrontiert: Es wurde gemunkelt, dass der Sauerstoff ausgehen würde.”

Karin Froidbise ist Leiterin der Abteilung Industrie der GD Inspektion. Seit Beginn der Gesundheitskrise arbeitete sie daran, den Patienten Sauerstoff zur Verfügung zu stellen, hauptsächlich in Pflegeheimen.

Karin Froidbise

Wie waren Sie in die Bewältigung der Gesundheitskrise involviert?
Im März 2019 bat mich mein Management, einen Bereich zu leiten, der ein wenig weiter von dem entfernt ist, was ich sonst tue. Nämlich die Bereitstellung von Sauerstoff, hauptsächlich in Alten- und Pflegeheimen. Ich dachte mir schon, dass es eine Herausforderung sein würde … und das war es auch. Mein Wissen über Sauerstoff war schon etwas angestaubt. Die Sauerstoffflasche ist keineswegs mehr die Königin des Marktes, wie es der Fall war, als ich vor über 20 Jahren als Apothekerin arbeitete. Heutzutage verwendet man für die Mehrheit der Patienten Sauerstoffkonzentratoren. Das ist ein elektrisches Gerät, das so groß wie ein großer Koffer ist und auf Rollen steht. Es konzentriert den Sauerstoff in der Luft, die sich im Zimmer befindet.

Diese Geräte sind in Heimen sehr verbreitet, werden aber von der FAAG kaum behandelt, da sie nur sehr selten Qualitätsprobleme verursachen.

Ein kleinerer, tragbarer Oxykonzentrator

Wie hoch war im Rahmen der COVID-19-Krise der Bedarf an Sauerstoff?
Zunächst wurden wir durch mehrere Beschwerden alarmiert: In einigen Pflegeheimen mangelte es an Sauerstoff. Ein kleines Team, das ich koordinierte, hatte die Aufgabe herausfinden, wo genau der Mangel lag und wie er am schnellsten behoben werden konnte. Wir merkten sehr schnell, dass in den Heimen Panik herrschte. Die Situation war sehr unterschiedlich: Einige hatten offensichtliche Versorgungsprobleme und andere überhaupt keine. Die Sorge hingegen war allgemein und hing mit der schnellen Verfügbarkeit von Sauerstoff zusammen. Nicht nur, weil sich die meisten Cluster in diesen Einrichtungen befanden, sondern auch, weil das Pflegepersonal mit einem unbekannten Virus konfrontiert war, das den Zustand der Patienten schlagartig verschlechterte: Eine Nacht reichte aus. Es war für das Pflegepersonal sehr schwierig, vorherzusagen, wie viele Patienten in den nächsten 24 Stunden Sauerstoff benötigen würden.

Die Panik in den Alten- und Pflegeheimen ist verständlich. Aber gab es auf der Seite der Anbieter tatsächlich einen Mangel?
Belgien ist das europäische Land mit der höchsten Pro-Kopf-Sauerstoffproduktion. Der Rohstoff Sauerstoff war also nie eine Sorge. Auf dem Höhepunkt der Krise wurden 16 % der möglichen Produktion von medizinischem Sauerstoff in den Fabriken erreicht. Das Problem war die Verteilung des Sauerstoffs an den Patienten. Vor allem, da heutzutage 90 % der Patienten über einen Sauerstoffkonzentrator mit Sauerstoff versorgt werden. Zunächst war es die Lieferung, die Probleme bereitete. Normalerweise macht der Lieferant ein oder zwei Runden pro Tag. Die Nachfrage war jedoch viel größer. Die Heime mussten manchmal einen Tag auf das Material warten. Das kam ihnen natürlich wie eine Ewigkeit vor. Dieses Problem wurde schnell gelöst: Die Lieferanten erhöhten die Anzahl ihrer Runden. Bis vor Ostern gab es genügend Material. Und dann … explodierte die Nachfrage nach Sauerstoffkonzentratoren!

Warum?
Die Zahl der Patienten stieg, oft flammten Cluster auf. Es kam zu einer Massenpanik: Heime, Familien, Ärzte und Patienten waren beunruhigt. Sie alle hatten das Gefühl, dass es, wenn ein Sauerstoffbedarf festgestellt wird, bereits zu spät sein würde, um einen Sauerstoffkonzentrator zu bestellen. Um sicherzugehen, dass ihnen der Sauerstoff nicht ausgeht, begannen die Pflegeheime, sich einen Vorrat anzulegen. Während man normalerweise bei Bedarf einen Sauerstoffkonzentrator verwendet und dann die Maschine an den Lieferanten zurückschickt. Diese Vorräte waren umso weniger notwendig, als dass laut Experten die meisten Patienten mit Atembeschwerden einen halben Tag warten konnten. Diejenigen, die dringend und lebensnotwendig Sauerstoff brauchten, sollten gleich ins Krankenhaus verlegt werden.

Es war erforderlich, die Bewegungen der verschiedenen Arten von Geräten (es gibt noch andere als die beiden genannten) zu objektivieren, quantifizieren und verfolgen, indem man ein Instrument zur Erhebung von Zahlen geschaffen hat.

Diese Vorratsbildungen haben den Markt natürlich zwangsläufig destabilisiert …
Dies führte zu einem echten Problem: Einige Anbieter von Sauerstoffkonzentratoren hatten keine mehr. Daraufhin diskutierten wir mit den verschiedenen Beteiligten vor Ort. Erstens, um zu verstehen, warum sie so zögerlich waren, zu Sauerstoffflaschen zurückzukehren. Die Antwort: Sie werden nicht mehr vom LIKIV erstattet. Wir gingen also ausnahmsweise zum LIKIV, um eine Lösung zu finden. Dies tat das LIKIV sehr schnell. Zweitens erkannten wir, dass Cluster oft regional waren. In einigen Regionen hatten die Anbieter daher einen Mangel an Sauerstoffkonzentratoren, in anderen überhaupt nicht. Wir drängten daher auf die Einrichtung eines nationalen Bestellzentrums.

Um dies zu ermöglichen, mussten die Anbieter flexibel sein!
Besonders muss man die Investitionen der Anbieter hervorheben. Sie kauften Ausrüstung und ließen einen Teil ihrer Mitarbeiter rund um die Uhr arbeiten. Sie mussten viel Kritik einstecken. Einige warfen ihnen vor, mit der Krise Geld zu verdienen. Die Wahrheit ist: Ja, sie konnten nicht mit Verlust verkaufen. Aber sie haben sich alle Mühe gegeben und sich wirklich an den gemeinsamen Anstrengungen beteiligt.

Wenn man viele Sauerstoffkonzentratoren bestellt und sie nicht an die Lieferanten zurückgibt, gibt es irgendwann ein Verfügbarkeitsproblem …
Tatsächlich landeten wir in dieser kritischen Situation. In Belgien waren kaum noch Sauerstoffkonzentratoren verfügbar. Und es war sehr schwierig, sie im Ausland zu beschaffen. Alle brauchten sie. Die Anbieter konnten einige Maschinen in Deutschland kaufen. Diese Fabrik arbeitete rund um die Uhr, um Sauerstoffkonzentratoren in ganz Europa zu liefern. Doch es kam, wie es kommen musste: Der Fabrik gingen die Teile aus, um die Maschinen herzustellen. Die meisten dieser Teile stammen aus China. Dort standen entweder die Fabriken still oder die hergestellten Teile waren für den internen Markt reserviert. Um dieses Problem zu lösen, waren unsere Möglichkeiten begrenzt. Es wurde versucht, das Pflegepersonal für einen vernünftigen Umgang mit Sauerstoff zu sensibilisieren. Denn wenn jemand Schwierigkeiten beim Atmen hat, denkt man sich vielleicht, dass er innerhalb einer Minute mit Sauerstoff versorgt werden muss. In Zeiten der Knappheit lohnt es sich, zu prüfen, ob dies wirklich notwendig ist. Indem man die Sauerstoffsättigung im Blut mit einem Oximeter testet. Dies geschah nicht systematisch …

War diese Angst vor Mangel in der Situation der Pflegeheime verwurzelt?
Ganz und gar nicht. Die Einlagerung von Sauerstoff fand vor allem in Pflegeheimen in der ersten Welle statt. In der zweiten Welle wurde hingegen festgestellt, dass die Krankenhäuser einen Vorrat an Flaschen angelegt hatten, was zu einigen Schwierigkeiten bei der Verfügbarkeit der Flaschen selbst führte. Wir haben dann mit den betroffenen Akteuren technische Lösungen gefunden: ungewöhnliche Flaschenarten, Erinnerung an die Notwendigkeit des Materialwechsels … Es ging bis zu Initiativen von Krankenhäusern, die Zusammenführung von COVID-19-Patienten in krankenhausähnlichen Einrichtungen zu organisieren …

Das alles zu organisieren, war sicher nicht einfach …
Wir hatten mit vielen neuen Gesprächspartnern zu tun, mit denen wir schnell Wege finden mussten, um zusammenzuarbeiten. Außerdem haben wir Aufgaben übernommen, die nicht zu unserem Alltag gehören. Dies verlangte von uns eine große Offenheit und ein enormes berufliches Engagement.

Auch menschlich muss es sehr intensiv gewesen sein …
Was anfangs sehr hart war, war dieses Gefühl, dass eine Person sterben würde, wenn nicht innerhalb einer Stunde ein Sauerstoffkonzentrator gefunden würde. Experten aus der Lungenheilkunde beruhigten uns, dass es nicht auf die Sekunde ankam. Anschließend verbrachten wir viel Zeit damit, unsere Gesprächspartner zu beruhigen.

Sie hatten also eine direkte Verbindung zum Feld?
Obwohl ich nicht als Kontaktstelle für die Akteure vor Ort angegeben war, kursierten meine Nummer und die anderer Teammitglieder schnell. Das war manchmal heikel zu handhaben. Ich wurde angeschrien, was nie angenehm war, und ich wurde Zeugin von Heulkrämpfen. Manchmal wollte ich mit meinen Gesprächspartnern weinen … Ich sagte ihnen, dass wir alles Nötige tun. Aber wer konnte mir am Ende versichern, dass wir nicht über die Ausnahme sprachen, die nicht warten konnte?

Mein Team und ich haben keine wirkliche Ausbildung im Umgang mit akuten Krisen und schon gar nicht mit den menschlichen Verhaltensweisen, die sie mit sich bringen. Wir waren uns nicht sicher, ob wir die richtigen Worte fanden, ob wir es sinnvoll erklärt hatten … Unsere Lösung war, untereinander darüber zu sprechen.

Lassen Sie uns positiv enden. Worauf sind Sie am meisten stolz?
Darauf, wie mein Team gearbeitet hat und immer noch arbeitet, da wir immer noch die Sauerstoffstatistik verfolgen. Wir sind stolz darauf, dass wir Initiativen ergreifen konnten, dass wir im Team so viel unterschiedliches Wissen gefunden haben (über Produkte, technische Details, statistische Erhebungen …), froh, dass wir neue Kollegen aus anderen Einrichtungen kennengelernt haben. Vor allem hatten wir das Gefühl, einen konkreten und positiven Einfluss vor Ort zu haben.

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